die Musterung

© Copyright Marc Ziesmer. Alle Rechte vorbehalten.
http://75dm.com/geschichten/musterung/


Heute Abend will ich euch von meiner Musterung erzählen. Gut, ich weiß daß dieses Thema ziemlich abgegriffen ist, und daß viele glauben, daß alle Witze die es zu dem Abschnitt des männlichen Werdeganges zu erzählen gibt, schon erzählt worden sind, aber irgendwie muß ich diese Erfahrung ja auch einmal verarbeiten.

Ich gehe mal davon aus, daß sich heute Abend einige Damen im Publikum befinden, die keine eigenen Musterungserfahrungen haben. Ihnen sei gesagt, daß wenn Sie das männliche Publikum genau beobachten, werden Sie ein merkwürdiges Lachverhalten bemerken, und dies ist das wirklich witzige an meinem ganzen Auftritt, denn das Lachen der Herrenwelt kann man in vier Kategorien aufteilen.
Einige Männer werden ganz normal lachen, andere werden etwas zurückhaltender lachen, einige gar nicht und einige Helden werden loswiehern, als hätte man sie mit Salz bestreuten Füßen in einem Ziegengehege festgebunden.

Die Männer aus der ersten Lachkategorie, also die, die ganz normal lachen, haben änliches durchgemacht wie ich, und wie übrigens auch alle anderen Männer in der Bundesrepublik, ausgenommen Boris Becker und andere Prommiweicheier. Also, sie lachen ganz normal, weil Sie das Erlebte mit Humor überwunden und als männliche Lebenserfahrung abgehakt haben.
Die Halblacher aus der zweiten Kategorie haben zwar die Pointen der Gags verstanden, doch die Wunden sind noch zu groß, die Erinnerungen an das was Sie so verwirrte und aus der Bahn warf zu persönlich und noch nicht verarbeitet.
Dann sind da noch diejenigen die über meine Witzeleien nicht Lachen können, nicht etwa, weil sie einen lausigen Sinn für Humor haben, sondern ganz einfach nur, weil ihnen die Musterung Spaß gemacht hat und sie dazu stehen.
Die Helden, die bei solchen Witzen immer losprusten und mit ihren künstlichen Gelächter noch drei Straßen weiter zu hören sind, verstehen die Gags überhaupt nicht, da sie die Musterung genossen haben, sich deshalb aber schämen und hoffen, dass es niemand bemerkt, wenn sie laut Lachen.

Also so lachen die Männer bei Musterungswitzen, während die Frauen aus ganz anderen Gründen lachen. Ich weiß nicht weshalb, aber dummer weise lacht die Damen Welt nie mit mir über meine Witze. Sondern sie lacht mich einfach nur aus, und ich grüble schon lange darüber nach, ob dieser Fakt mehr über mich oder über das weibliche Geschlecht aussagt.

Aber nun gut, ich hatte meine Musterung vor mehreren Jahren mitten in der Weihnachtszeit. Das war wirklich eigenartig, draußen waren es -22° C, durchs Fenster konnten wir einen richtigen Schneesturm beobachten, saßen aber alle in Bermudashorts im Umkleideraum und kamen uns ziemlich bekloppt vor.

Im Umkleideraum waren mehrere Schließfächer und zwei Bänke.
Auf der einen Bank saß ein ziemlich merkwürdiger Typ, seine Shorts war Lila mit pinken Bümchen, und ihm mindestens zwei Nummern zu klein. Er hatte die Beine verschränkt und wippte die ganze Zeit mit dem linken Fuß. Auf dem Schoß hatte er seine Jutetasche, die er mit beiden Händen vor der Brust festhielt.
Das wirklich abschreckende an ihm war sein dummes Grinsen. Ich weiß nicht, ob sie Thomas Hermanns kennen, den Moderator vom Quatsch Comedy Club, der jede Pointe nicht nur durch sein widerliches Dauergrinsen versaut. Und genauso ein ekelhaften Gesichtsausdruck hatte der Typ in dem Umkleideraum drauf.

Also, der Typ saß auf der einen Bank, und wir 17 anderen auf der anderen und fragten uns, was auf uns zukommt, obwohl wir es ja eigentlich genau wussten.

Als erstes musste ich in einen Becher pinkeln!
Kein Problem dachte ich zunächst, doch als ich mich in dem zum Pinkeln zur Verfügung stehenden Raum einschloß und in eine gigantische Urinpfütze trat kam ich so langsam ins Grübeln.
Gut, wer schon einmal eine Herrentoilette von innen gesehen hat, der weiß daß einige Herren Probleme mit dem Zielen haben. Aber darüber habe ich mir keine Sorgen gemacht, denn schließlich kenne ich meine Treffsicherheit ja am besten.
Nein ich hatte Zweifel daran, daß der Becher groß genug war, denn wenn ich einmal loslege zu pinkeln, dann pinkel ich ersteinmal, ich meine ich habe echt keine Ahnung um wie viel Liter meine Blase bei jedem Toilettengang erleichtert wird. Woher auch? Schließich verschwindet die ganze Pisse ja im Abfluss und nicht in einem Messbehälter.
Gut es gibt bestimmt dämliche Machos die ihr Pinkelvolumen gemessen, das Ergebnis mit vier mal genommen und damit auf jeder Party prahlen und sich als mega heftigen Riesen Furz in einem Raumanzug zuerkennen geben, doch ich gehöre, auch wenn es unwahrscheinlich klinkt und einige Leute überrascht, nicht dazu.
Dummer Weise konnte ich vor lauter Schiß überhaupt gar nicht mehr pinkeln. Damit hatte ich bisher eigentlich noch nie Probleme gehabt. Ganz im Gegenteil, früher habe ich sogar ziemlich oft auch dann gepinkelt, wenn ich eigentlich nicht wollte. OK, auf einer öffentlichen Toilette gehe ich lieber in eine von den Kabinen wo man sich setzten kann, doch das hat andere Gründe, denn immer wenn ich an der Pinkelrinne stehe kommt ein Penner rein der mit einem solchen Druck sein Wasser läßt, daß alles im Umkreis von zwei Metern vollgespritzt wird.

Ich konnte also nicht den Becher füllen, und leider bildeten in der zwischen Zeit die anderen aus der Umkleidekabine vor der Tür eine Schlange. Ich fühlte mich im Pinkelraum gefangen, denn wie sollte ich den anderen den gelben Ozean erklären? Nun gut ich hätte mit einem leeren Becher vor die Tür treten, und sagen können. "Übrigens, Die mega gigantisch riesige Pinkelpfütze stammt nicht von mir" Aber das wäre ja genauso glaubwürdig wie die Theorie, daß Elvis die eine und John Fitzgerald Kennedy die andere Zahnpastatube von Dieter Baumann prepariert hat.

Nach 12 Minuten konnte ich die ersten Witze hören. Einer sagte mir von vor der Tür, dass ich nicht den ganzen Raum füllen soll. Er konnte zu dem Zeitpunkt ja noch nicht wissen, daß das sowieso nicht mehr nötig war. Ein anderer meinte mir sagen zu müssen, daß ich mich nicht bei einer Samenbank befinde. Das war wirklich ein toller Spruch.

Während meines Studiums in England hat mir ein Komielietone erzählt, dass er zu einer Samenbank geht und pro Spende 40 Pfund bekäme. Am Ende des Studiums hatte er über 900 Pfund Schulden, was ich auf Grund der Nachrichtenmeldung, daß die britischen Spermien nicht fruchtbar genug waren und deshalb die Samenbanken gezwungen waren deutsches Sperma zu importieren besser verstand. Was für Perverse sind das eigent1ich, die bei solchen Instituten sich regelmäßig einen runterholen. Man denkt eigentlich nie darüber nach, warum das Sperma von notgeilen Böcken gebraucht wird, aber die Vorstellung darüber wie viel Nachwuchs schon auf diese Weise gezeugt wurde ist doch sehr erschreckend. Vielleicht wird die übernächste Generation ja nur aus Männern bestehen die einen absolut muskellöse Unterarme besitzen. Aber ich schweife ab.

Es hat eine halbe Stunde gedauert bis ich endlich in das Gefäß gepinkelt hatte. Der Becher war randvoll und ich war stolz, daß ich ihn ohne zu plören abgeben konnte. Nach dem Erlebnis saß ich ziemlich erleichtert, physisch wie mental in der Umkleide Kabine und wartete darauf zur Hauptuntersuchung reingerufen zu werden. Ich dachte schlimmer konnte es ja nicht werden.
Vor mir war noch der komische Typ mit der Jutetasche dran. Als er dann schließlich mit einen Strahlendem Gesicht aus dem Untersuchungszimmer kam machte ich mir wirklich ernsthafte Sorgen. Ich weiß nicht, ob er wirklich das war was wir glaubten das er war, oder einfach nur schlau, auf jeden Fall wurde er sofort ausgemustert.

Im Untersuchungszimmer spielte Weihnachtsmusik. Als ich das Zimmer betrat fing gerade "Ihr Kinderlein kommet" an. Ich musste bis zum Lied "Schneeflöckchen weiß Röckchen" auf den Arzt warten. Der Onkel Doktor war so alt das er schon zu schrumpfen begonnen zu haben schien. Jedenfalls war ihm sein weißer Kittel zu groß und er sah wie ein Kind aus, das mit den Kleidern von den Eltern spielt. Beim Sehtest fing ich an, an mir selber zu Zweifeln, da das was ich meinte zu sehen nicht dort zu sehen war wo ich es sah. Nach einer halben Stunde fiel mir dann endlich auf, dass Doktor Methusalem die Karten falsch rum hielt. Als ich ihn dann darauf aufmerksam gemacht hatte, sagte dieser nur "Oh". Nun ja eine Entschuldigung wäre ja auch wirklich etwas zu viel verlangt, denn der gute Mann musste ja seine Stimme schonen, denn schließich muße er mich vorher 43 1/2 Minuten als einen Vaterlandsverräter, der auf so einer billigen Art und Weise versucht sich Ausmuster zu lassen, beschimpfen und anschreien.

Der Hörtest war aber wirklich nicht so übel. Ich musste mit meinen Fingern immer Anzeigen auf welchem Ohr ich einen Ton gehört habe, was nicht besonders anspruchsvoll ist, und als ich anfing mir meinen eigenen Rhythmus zu machen, machte es sogar richtig Spaß. So ein tolles Testergebnis hatte noch keiner. Ich hatte alle vorhandenen Töne erkannt und zusätzlich noch 237 weitere.

Der gute Greis musste mich dann auch noch Messen und Wiegen. Auf der Wage habe ich dann so getan als ob ich Mike Tyson beim offiziellen Wiegen vor einen Kampf wäre. Der Spruch, daß ich ihm seine Fresse blutig schlagen, und dann sein Ohr zum Frühstück verputzen würde, gab dem alten Arzt fast einen Herzanfall, aber wenigstens konnte er dann nicht mehr über meinen Blutdruck nörgeln.

Sein Messen meiner Beine ergab, dass mein linkes Bein kürzer ist als mein rechtes. Laut ihm wäre das ganz normal. Ich wusste allerdings nicht, ob es normal war, weil er das Maßband falsch herum hielt oder ob er beim Messen des zweiten Beins einfach nur das Messergebnis des ersten vergessen hatte.

Schließlich musste ich dann meine Hose runterlassen. Er stand hinter mir um meine Familienplanung zu Untersuchen, und ich frage mich, ob die Bundeswehr wie einige unserer Vorfahren ein Arierzüchtungsprogramm hat und nach potenziellen Teilnehmern sucht. Aber das war wirklich das unheimlichste, was mir je wiederfahren ist. Seine zittrigen Finger tasteten sich langsam zwischen meinen Beinen durch, und als sie endlich ihr Ziel erreichten ertönte aus dem Kassettenrekorder das Lied "Kling Glöckchen Klinge linge ling Kling Glöckchen Kling". Ich habe keine Ahnung was er durchs Tasten in Erfahrung bringen wollte, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich wirklich nur Schiß, dass er einen Schlaganfall kriegen, seine Hand sich verkrampfen und er schließlich mit meinem besten Stück in der verkrampften Hand zu Boden gehen würde.
Dies ist zum Glück nicht passiert und ich durfte mich wieder anziehen und den Dienst an der Waffe aus Gewissensgünden verweigern.

Als ich schließlich zum Zivildienst herangezogen wurde, mußte ich noch einmal zu einem Amtsarzt. Doch diesmal lief es anders ab. OK, ich stand wieder nur in Unterhose auf der Wage und spielte Mike Tyson, doch anschließend wurde ich dann nur noch gefragt, ob ich krank bin, als ich "Nein" sagte durfte ich wieder gehen.

© Copyright Marc Ziesmer. Alle Rechte vorbehalten.
http://75dm.com/geschichten/musterung/