"Ja aber warum hat Gott ihr denn ausgerechnet solche Eltern gegeben?" war meine nächste Frage.
"Ich gehe Ihnen bestimmt schon mit meinen ständigen Gegenfragen auf die Nerven, und das tut mir leid," entschuldigte er sich und lächelte dabei etwas verlegen, was es mir unmöglich machte ihm seine Frage übel zu nehmen, "aber hat Gott ihr wirklich solche Eltern gegeben?"
Ich verstand die Frage nicht und er versuchte mir zu erklären, was er meinte.
"Als ich noch ein Kind war, stellte mir mein Bruder mal die Frage, was er vor seiner Geburt gemacht hat. Er selber hatte die Vorstellung, daß er die ganze Zeit auf einer Wolke gesessen und auf seine Geburt gewartet hat. Ich kann nicht sagen, was ich früher davon hielt, doch heute kann ich mich mit dem Gedanken nicht anfreunden. Ich bin davon überzeugt, daß wir gezeugt werden und unsere Existenz, - daß unser Körper, Seele und Geist erst in dem Moment anfangen zu existieren, in dem eine bestimmte Spermie unseres Vaters auf ein bestimmtes Ei unserer Mutter trift und es befruchtet. Wenn eine andere Spermie auf das Ei und oder auf ein anderes Ei trifft, entstehen nicht wir, sondern unsere Geschwister, Halbgeschwister oder jemand ganz anderes. Ihre Freundin hat keine Eltern bekommen, sondern die Eltern Ihrer Freundin haben bei ihrer Geburt eine Tochter bekommen. Und ich bin der festen Überzeugung, daß niemand anders sie zur Welt hätte bringen können."
"OK!" erwiederte ich, "selbst wenn dem so wäre, aber es wäre doch besser für sie gewesen, wenn niemand sie zur Welt gebracht hätte."
"Tut mir leid, aber das kaufe ich Ihnen nicht ab, daß Sie das glauben", sagte er zu mir und wirkte dabei trotzdem immer noch freundlich und annehmend. "Aber wenn Sie das Leben Ihrer Freundin wirklich für nicht lebenswert halten, dann hätten Sie ihr wohl kaum heute das Leben gerettet!"
"Nun, sie ist nun mal meine Beste Freundin, und ich will sie eben nicht verlieren." erklärte ich. "Aber es gibt ja einen Unterschied zwischen nicht geboren werden und sich selber umbringen. Hätte ich ihr nicht das Leben gerettet, dann wär sie gestorben und würde in der Hölle landen." Mir schoßen bei dem Gedanken die Emotionen hoch und Tränen kullerten mir wieder über die Wangen.
Ein "Oh!" entfuhr dem Mann, der nicht mit solch einen Gedankengang gerechnet hatte. Er gab mir ein weiteres Taschentuch und dachte nach. Schließlich fragte er mich: "Sind Sie eigentlich deshalb so wütend auf Gott, weil Sie glauben, daß er Ihre Freundin, die so viel Scheiße durchgemacht hat, dafür mit der Hölle bestrafen wird, wenn sie versucht sich ein für alle mal mit einem Selbstmord aus ihrer seelischen Gefangenschaft zu befreien?"
"Ja!" sagte ich "das trifft ziemlich den Kern meines jetzigen Zustandes."
Er nickte mir betroffen zu, überlegte eine Weile und fragte dann: "Wie stellen Sie Sich eigentlich die Hölle vor?"
"Wie die Hölle halt!"
"Na ja, ich frage deshalb, weil es ja dieses Bild vom Teufel gibt, der den Menschen in der Hölle andauernd mit einem Dreizack in den Hintern sticht und sie auch anders quält. Und ich kann mit diesem Bild halt nichts anfangen."
"Nee! Das ist doch Quatsch!" gab ich zu und fragte: "Wie stellen Sie Sich denn die Hölle vor?"
"Nun, die Bibel sagt, daß der Teufel der Herr dieser Welt ist, und daß er am Ende der Zeit selber mit all seinen Dämonen und allen Menschen, die Gott nicht vertrauen, in den feurigen Pfuhl, das unauslöschliche Feuer geworfen wird. Die Hölle ist also nicht der Ort in dem Satan regiert, sondern der Ort an dem er bestraft wird. Wirklich vorstellen kann ich mir ein ewiges, unauslöschliches Feuer nicht, doch es ist anders als das Feuer, was wir kennen. Da unsere Körper ja beraben werden und verrotten, und da das Feuer nie ausgeht und unsere nicht mehr existierenden Körper nicht verzehrt, kann es sich ja nicht um das physisches Element handeln."
"Und was ist es dann?" fragte ich ihn.
"Es ist ein geistliches Feuer, was auch immer das bedeutet."
Ein etwas verwirrtes "Aha?" entfuhr meinen Lippen, während er fort fuhr.