Taschentuch
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"Taschentuch?" fragte er und lächelte mich dabei nett an und holte mich so aus meinen Gedanken, Kummer, Sorgen und Zorn in die Realität zurück. Alle anderen an dem Tag schienen mich als histerische Frau abgestempelt zu haben. Sie schienen mich alle zu analysieren, wußten aber nicht, wie sie mir begegnen sollten. Sie hatten wohl Angst davor sich auf mich einzulassen oder empfanden mich einfach als störend.
Ich hatte das Gefühl, daß mich alle an dem Tag in ein Schema reinpresten und mir Vorschriften machten, wie ich mich zu verhalten hatte. Er nicht. Er nahm mich einfach so an wie ich war und trat mit mir durch eine simple Frage in Kontakt. -Obwohl, es war ja noch nicht mal eine richtige Frage, es war nur ein Wort; das Wort Taschentuch.
Ich nahm mir eins aus der Packung die er mir lächeld anbot. "Danke!" sagte ich während ich mir die Tränen aus dem Gesicht wischte, meine Nase schneutzte und anfing mich zu schämen. "Sie haben bestimmt mitgekriegt, wie ich mich gerade aufgeführt habe; daß ich die Schwestern angegiftet und geschriehen und mich wie eine histerische Frau aufgeführt habe."
"Ach, als hätte ich das Recht über andere zu urteilen." erwiederte er, schüttelte dabei den Kopf und lachte über sich selbst.
"Aber es war wirklich nicht in Ordnung, wie ich mit den Krankenschwestern umgegangen bin. Ach! Ich bin einfach so wütend und sauer!"
"Wie kommt's?" fragte er.
"Eigentlich war ich heute mit einem Mann verabredet, den ich erst vor kurzem kennengelernt habe." fing ich an einem völlig Fremden von meinem beschissenen Tag zu erzählen. Ich weiß nicht warum, aber obwohlich ihn nicht kannte, so hatte ich dennoch das Gefühl, daß ich ihn vertrauen konnte. Er hatte so eine liebevolle Ausstrahlung und nahm mich an, so wie ich war bzw. wie ich mich gab. Er stellte keine Erwartungen an mich. "Na ja, ich hatte mich schon die ganze Woche auf heute Abend gefreut. Das klingt jetzt vielleicht etwas blöd, aber bei ihm hatte ich das Gefühl, daß er der Richtige sein könnte."
"Das klingt ganz und gar nicht komisch" versicherte mir der freundliche Mann im Wartesaal des Krankenhauses.
"Heute morgen", fuhr ich fort;"war auch noch alles gut, aber auf der Arbeit kriegte ich gleich eine reingewürgt. Mein Chef hatte am Tag zuvor 'nen Fehler gemacht und ich mußte ihn dann ausbügeln. Er sagte mir ständig was ich zu tun hatte, übte Druck auf mich aus und war selber für niemanden zu sprechen. Ich bekam also alle Anrufe wütender und meckender Kunden ab. Meinen eigentlichen Aufgaben konnte ich mich nicht widmen was Auseinandersetzungen mit meinen Kollegen als Folge hatte, die auf meine Arbeit angewiesen waren. Ich wollte nur noch nach Hause, mich duschen, zurechtmachen und dann mit meiner Verabredung den Abend genißen. Doch vorher mußte ich noch 1 ½ Überstunden leisten. Als ich dann endlich in der Bahn saß hatte ich auf einmal die Idee zu meiner besten Freundin zu fahren, obwohl ich das gar nicht wollte. Es war total merkwürdig. Ich wußte nicht, wo die Idee herkam sondern nur, daß es nicht meine war. Aber es hatte mir auch niemand gesagt, daß ich zu meiner Freundin fahren sollte. Obwohl ich die Idee dumm fand und eigentlich etwas ganz anderes vorhatte, so hatte ich dennoch das Bedürfnis ihr nach zugehen. Das war ganz komisch"
Ich blickte meinen Zuhörer an und der nickte mir verständnissvoll zu.
"Als die Bahn dann an der Haltestelle bei meiner Freundin hielt" erzählte ich weiter."spielte sich in meinem Inneren ein Kampf ab. Ich wollte nicht zu ihr gehen und sah auch keinen Grund warum ich das sollte. Und dennoch war da das Bedürfnis es zu tun. Es waren schon alle, die aussteigen wollten ausgestiegen und die ersten stiegen ein, als ich aufstand. Einige fingen an zu motzen, weil ich sie mit meinem Aussteigen beim Einsteigen störte. Anstatt nach Hause zu fahren, als sich auf meinem Klingeln im Haus nichts tat, benutzte ich den Ersatzschlüssel, den mir meine Freundin anvertraut hatte und ließ mich selber rein. Alle Zimmertüren standen offen, und da niemand auf mein Rufen reagierte, war mir klar, daß sie nicht zu Hause war. Gerade als ich gehen wollte merkte ich, daß in mir die Entscheidung gefallen war, vorher noch auf die Toilette zu gehen. Das war wirklich völlig absurd, denn ich mußte gar nicht aufs Klo. Dennoch ging ich ins Badezimmer und da.."
Ich stockte, Tränen schossen mir in die Augen und ich fuhr mit zittender Stimme fort,"sah ich sie in der Wanne liegen; mit aufgeschnittener Pulsader." Ich rang nach meiner Fassung, und als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, nahm ich mir ein weiteres Taschentuch, daß mir von meinem Zuhörer angeboten wurde, schneutzte meine Nase und fing an meine Geschichte weiter zu erzählen."Ich versuchte sofort die Blutung zu stoppen, band die Wunde ab und rief sofort einen Notarzt. Bis der eintraf rannte ich ständig zwischen dem Badezimmer und der Haustür hin und her, was einige Nachbarn zu Meckern veranlaste."Unter Tränen stieß ich verständnislos hervor: "Meine beste Freundin war gerade dabei in ihrem Badezimmer zu verbluten und ihre Nachbarn hatten nichts besseres zu tun als sich darüber aufzuregen, wie geräuschvoll man sich auf dem Flur bewegt." Ich schnaupte noch mal meine Nase und wischte mir die Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht. "Irgendwann trat endlich der Notarzt ein. Ich fühlte mich so hilflos, und der Rettungsdienst gab mir das Gefühl nur im Weg zu sein und zu stören. Ich durfte nicht mit im Krankenwagen fahren und hätte ich nicht noch extra nachgefragt, hätte mir niemand erzählt, daß sie sie in dieses Krankenhaus bringen. Und auch hier geben mir die Schwestern die ganze Zeit das Gefühl zu stören. Über die Verfassung meiner besten Freundin geben sie mir keine Auskunft, drängen mich stattdessen irgendwelche Formulare auszufüllen und sagen mir ständig, daß ich mich beruhigen muß. Und das kann ich nicht."
"Wer könnte das in so einer Situation?"
"Ja schon. aber trotzdem darf ich meine Wut doch nicht an den Krankenschwestern auslassen. Auch wenn es verständlich ist, so ist es dennoch falsch!"
"Sind Sie eigentlich wütend auf ihre Freundin, weil sie für sie ihren Fehler ausbügeln müssen?" fragte mich der sympatische Mann.
"Ja, irgendwie schon. Aber gerade das macht mich dann wütend auf mich selber, weil ich mir dann so egoistisch vorkomme. Gut, wegen ihr habe ich einen tollen Mann sitzen gelassen, von dem ich denke, daß er der richtige sein könnte. Ich hatte keine Möglichkeit ihm abzusagen, und weiß jetzt nicht, ob er mir noch 'ne 2te Chance gibt. Doch, wenn er nicht verstehen kann, daß ich mich lieber um meine beste Freundin kümmere, die gerade versucht hat sich umzubringen, dann ist er sowieso nicht der Richtige. Aber vielleicht bekomme ich ja auch gar nicht die Gelegenheit ihm zu erklären, was vorgefallen ist, und warum ich nicht zur Verabredung erschienen bin. Und, na klar, das stört mich. Aber wütend macht mich vor allem, daß meine Freundin sich das antun mußte; daß die versucht hat sich umzubringen. Und irgendwie kann ich das ganze auch etwas nachvollziehen, denn ihr Leben ist bisher einfach beschissen gelaufen und es war teilweise einfach eine Qual für sie."
Mir wurde bewust, daß ich eigentlich gar nicht auf sie wütend war und auch nicht auf mich. Meine Wut zielte in eine ganz andere Richtung.
"Eigentlich will ich gar nicht wahr haben auf wen ich wütend bin!" sagte ich und er guckte mich nur fragend an. Aber sein Blick war nicht fordernd, sondern nur interessiert. Er fing nicht an zu bohren sondern überließ es mir, ob ich erzählte und damit bekannte auf wen sich meine Wut konzentrierte.
"Ich bin wütend auf Gott" sagte ich und fühlte, wie das Aussprechen mich entlastete und enspannte. "Doch ich will's mir nicht eingestehen, da man auf Gott nicht wütend sein darf!"
"Nicht?" fragte er überrascht.
"Nein! Man darf doch nicht auf Gott wütend sein."
Er fragte mich:"Wo steht denn, daß man nicht wütend auf Gott sein darf?" und ich fand die Frage doof. Für mich war es schon immer selbstverständlich gewesen, daß man auf Gott nicht wütend sein darf, denn er ist heilig und eigentlich doch nur gut. Aber ich merkte, daß er Recht hatte. Ich wußte selber nicht, wie ich zu der Überzeugung gekommen bin. Sie war einfach da.
"Es ist doch so, daß die Wut genauso wie die Liebe, Trauer, Freude und alle anderen Gefühlsvariationen durch irgendetwas hervorgerufen werden und man auf das eigentliche Empfinden keinen Einfluß hat. Aber, wie man mit ihnen umgeht hat man in der Hand. Man sollte lernen seine Gefühle zu kontrollieren und sollte sich nicht von ihnen kontrollieren lassen, denn sonst passiert das, was Sie vorhin getan haben. Man läßt seinen Frust auf die Kosten von anderen raus. Wenn man dann auch noch sieht, daß man anderen Unrecht antut, dann fängt man an sich zu schämen und der Scham fängt dann auch noch an einen zu steuern."
Das was er sagte machte für mich Sinn und ich nickte ihm zu.
"Wenn sie meinen,daß sie auf Gott wütend sind, dann sind sie nun mal eben wütend auf Gott, und es würde nichts bringen, dies zu verdrängen. Damit würden sie sich ja nur selbst belügen."
Ich konnte ihm nur Recht geben. "Ja! Ich habe mich wirklich belogen. ich wollte es nicht wahr haben, und habe meine Wut auf Gott verdrängt. Ich war deshalb wirklich innerlich sehr zerrissen und habe mir selber Druck gemacht. Doch dann, als ich jetzt die Wut auf Gott erkannte und akzeptierte und dann auch noch Ihnen davon erzählte, wurde mir eine große Last abgenommen. Ich habe mich dabei richtig entspannt."
"Gut! Das freut mich." sagte er und ich sah, daß er es wirklich tat.
"Doch um zu wissen, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen sollen, müssen wir meistens wissen, woher sie kommen. In Ihrem Fall stellt sich die Frage, warum genau Sie auf Gott wütend sind und warum Sie der Meinung sind, daß Sie auf ihn nicht wütend sein dürfen."
Wir schwiegen uns erst mal eine Weile an, bis er schließlich sagte: "Wenn ich Sie richtig verstanden habe sind Sie wütend auf Gott, weil Ihre beste Freundin so viel Leiden mußte, was dazu führte, daß sie versucht hat sich umzubringen und die Ärtzt in diesem Augenblick um ihr Leben kämpfen müssen. Sie meinen, daß Gott dafür verantwortlich ist, nicht unbedingt, weil er ihr selber das Leid zugefügt hat, aber auf jeden Fall. weil er es zugelassen hat."
"Ja." flüsterte ich ihm zu.
"Doch vorhin sagten Sie, daß man auf Gott ja nicht wütend sein darf, weil er gut ist."
Wieder nickte ich zustimment.
"Das ist wirklich ein Problem. Denn irgendwie wiederspricht sich das alles. Wenn Gott gut ist, wie kann er dann verantwortlich für das Leiden ihrer Freundin sein? Wenn Gott es zugelassen hat, muß er dann nicht zumindest mitverantwortlich für ihr Leiden sein? Und wenn er mitvorantwortlich für ihr Leiden ist, wie kann er dann gut sein?"
"Ja! Irgendwie paßt das ganze nicht zusammen. Aber an die Alternativen glaub ich nicht."
"Die Alternativen?"
"Ja," fing ich an zu erklären."Entweder ist Gott schlecht, oder er ist nicht verantwortlich, oder meine Freundin hat es verdient."
"Vielleicht definieren wir Gut, Verantwortung und Verdienen einfach nur falsch." hörte ich ihn sagen, obwohl er es wohl nur laut gedacht hatte, es schien nicht an mich geichtet zu sein.
Eine Schwester kam zu uns rüber und erzählte uns, daß meine Freundin auser Lebensgefahr war. Mir fiel ersteinmal ein Stein vom Herzen, doch gleichzeitig fragte ich mich auch, wie ein Mensch, der versucht hat sich selber das Leben zu nehmen auser Lebensgefahr sein könnte.
Es war eine von den Schwestern, die mir vorher ständig gesagt hatten, daß ich mich beruhigen müsse, und die ich nur angekeift hatte. Sie sagte mir auch, daß ich meine Freundin nicht vorm nächsten Morgen sehen könnte und meinte, daß es für mich wohl das Beste wäre mich ersteinmal zu Hause auszuschlafen, aber wenn ich wollte, könnte ich auch auf der Couch im Wartesaal übernachten.
Als die Schwester wieder gegangen war erzählte ich dem Mann von der Frage, die mir kam. "Wie kann jemand, der versucht hat sich selbst das Leben zu nehmen auser Lebensgefahr sein?"
"Ja," sagte er, "jemand der für sich selber eine Gefahr ist, ist doch ständig in Lebensgefahr. Wenn jemand sich umbedingt umbringen will, kann man ihn nicht davon abhalten." Er dachte einen kurzen Augenblick nach und sagte dann über die Absordität seines Gedankens leicht lachend: "Obwohl letztendlich genau das geschehen ist. Aus welchen Gründen auch immer Sie zu ihr gegangen sind, Sie haben es verhindert, daß sie sich das Leben nimmt. Verhindert haben Sie nicht, daß sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, aber Sie haben den Notarzt geholt und verhindert, daß sie verblutet."
Wir schwiegen uns 'ne Weile an. Schließlich fragte er mich: "Sie hatten vorhin gesagt, daß sie verstehen könnten, daß Ihre Freundin nicht mehr leben will und daß ihr Leben bisher beschissen gelaufen ist. Wollen Sie mir etwas mehr von ihr erzählen?"
Ich wollte es. Es war mir sogar wichtig ihm zu erzählen, was sie alles in ihrem Leben ertragen mußte. Ich erzählte ihm, daß sie bei ihrem Vater aufgewachsen ist, und daß sie sich an ihre Mutter nicht errinnern konnte. Sie konnte über den Verbleib ihrer Mutter nur spekulieren. Jedesmal, wenn sie ihren Vater nach ihrer Mutter gefragt hatte, hatte sie ein "Keine Ahnung!" oder "Das interessiert mich nicht!" als Antwort bekommen. ihr Vater war Alkoholiker und er hatte sie ständig geschlagen, wenn er betrunken war. Er war sehr oft betrunken. Deshalb konnte sie verstehen, daß ihre Mutter nicht bei ihrem Vater geblieben ist. Aber unverständlich ist, wie die Mutter sie als Baby beim alkoholabhängigen prügelnden Arschloch lassen konnte.
"Doch am schlimmsten fand sie es, wenn er nüchtern war." sagte ich. "Wenn er nicht betrunken war, war es ihm immer wichtig sich bei ihr zu entschuldigen. Und er wollte ihr dann immer zeigen, daß sie seine Tochter ist, sein Baby und daß er sie liebt. Und daß hat er..." Meine Stimme fing an zu beben, ich stockte und sie Emotionen schossen in mir hoch. Ich hatte einen riesen Kloß im Hals und bekam feuchte Augen. "Er hat ihr es..." fuhr ich fort und fing dabei zu weinen an. "Er hat es ihr immer körperlich gezeigt."
"Er hat also ständig seine eigene Tochter vergewaltigt?" fragte der sympatische Mann mit den Taschentüchern nach und bot mit wieder eins an.
"Schlimmer!" sagte ich, was er nich verstand und ich versuchte ihm zu erklären, was ich meinte. Meine Freundin konnte sich nicht daran errinnern sich jemals gegen den sexuellen Kontakt das Vaters gewehrt zu haben. Sie haßte es, wenn seine Hände zärtlich durch ihre Haare glitten, wenn er sie auf die Stirn küßte und mit den Fingern sanft über ihr Gesicht strich. Es ekelte sie seine Lippen auf ihren, seine Zunge in ihrem Mund und seine Hände und Körper an ihrem zu spüren. Es wiederte sie zutiefst an, daß er in sie eindrang. Doch sie ließ es zu. Sie kannte es nur so und wußte nicht, daß ihr vom Vater Unrecht angetan wurde. Sie dachte, daß es so sein müßte. Sie hatte nicht das Gefühl, daß ihr Vater sie zu etwas Zwang, sondern sie empfand ihren Ekel als falsch und unangebracht, schämte sich dafür und wußte ihn zu verstecken.
Mein Zuhörer hatte ziemlich entsetzt meinen Ausführungen gelauscht. Schockiert und ungläubig fragte er: "Sie fand es normal, daß ihr Vater sie bumpst?"
"Für sie war es das natürlichste auf der Welt."
Nach dem er eine ziemlich lange Zeit nachgedacht hatte fragte mich der Mann im Krankenhaus: "Wie ist sie denn aus der höllischen Gefangenschaft rausgekommen?"
"Seelisch ist sie ja noch immer gefangen."
"Klar!" sagte er und nickte mit dem Kopf. "Sonst hätte sie ja nicht versucht sich ein für allemal mit einem Selbstmord zu befreien. Doch da sie eine eigene Wohnung hat, und irgendwie in der Lage ist sich zu versorgen, und da sie mit Ihnen, wie mir scheint eine sehr enge und gute Freundschaft hat, muß sie es ja irgendwie geschaft haben sich zumindest ein Stück von ihrem Vater und ihrer Vergangenheit zu distanzieren."
"Ihr Vater wurde eines Tages vom Auto überfahren!" sagte ich.
"Ihr Vater wurde überfahren?" fragte er mich ziemlich überrascht. "Daß sie von ihrem Vater nicht mehr gequält wird hat sie einem Autounfall zu verdanken?"
"Ja! Irgendwie pervers, nicht wahr? Sein Unglück war ihr Glück."
"Und was ist mit ihr passiert?" fragte er nach einer kurzen Zeit der Stille.
"Nun, die Großeltern und die Tante wollten von ihr nichts wissen." erzählte ich. "Und da man nichts über ihre Mutter und ihren Verwandten wußte kam sie in ein Pflegeheim. Dort wurde sie wohl auch ganz gut aufgenommen. Der Zivi und ein erfahrener Sozialpädagoge konnten ihr Vertrauen gewinnen und eine engere Beziehung zu ihr aufbauen. Sie begegneten ihr mit sehr viel Zuneigung und Liebe. Doch leider konnte sie zwischen Liebe und sexueller Beziehung nicht unterscheiden. Sie mußte die Liebe auch körperlich bestätigt bekommen und versuchte deshalb beide zu verführen. Einer von ihnen zog eine klare Grenze, während der andere nicht wiederstehen konnte. Ich hab nie wirklich verstanden, wen sie nun letztendlich verführen konnte, doch das ist ja sowieso unwichtig, denn es ist ja beides denkbar."
Mein Zuhörer nickte mir zu.
"Na ja, auf jeden Fall fühlte sie sich von dem einem nicht nur abgewiesen, sondern total fallen und im Stich gelassen, nur weil dieser nicht mit ihr schlafen wollte; also hing sie sich an den anderen. Die sexuelle Beziehung kam raus und der Zivi oder der Sozialpädagoge, je nach dem, welcher mit ihr schlief, wurde entlassen und ein Verfahren wurde gegen ihn eingeleitet. Sie konnte das ganze nicht verstehen und hatte das Gefühl, daß alle sie als nicht liebenswert erachteten und ihr nichts gönnten. Sie vertraute niemanden mehr und riß häufig aus dem Heim aus. Sie lebte teilweise auf der Straße und rutschte immer wieder in kranke Beziehungen rein, in denen sie geschlagen wurde und in der die Versöhnung aus Sex bestand. Sie fand immer neue Art und Weissen ihren inneren Druck loszuwerden."
"Wie haben Sie sie eigentlich kennengelernt?" fragte mich der Mann im Krankenhaus schließlich.
"Oh, wir haben uns im Stadtpark kennengelernt. Zu der Zeit hatte sie schon einige Therapien hinter sich und wirkte eigentlich wie eine starke, selbstbewuste und ausgeglichene Persönlichkeit. Ich war in mitten des Stadtparks spazieren, als es plötzlich anfing zu regnen und ich hatte leider - obwohl es war ja eigentlich ganz gut, daß ich keinen Regenschirm dabei hatte. Sie hatte einen sehr großen Schirm dabei und bot mir an mich unter ihm mitzunehmen. Wir gingen also zusammen im Regen unter ihrem Schirm im Stadtpark spazieren, kamen dabei ins Quatschen und irgendwie hat sich daraus eine Freundschaft entwickelt."
"Ja, schön!" sagte mein Gesprächspartner lächelte dabei und man konnte ihm ansehen, daß er diesen Teil meiner Erzählung wirklich gut fand. "Hat sie es eigentlich geschaft eine berufliche Perspektive zu bekommen?" fragte er.
"Ja.", sagte ich. "Nach ihrer letzten Therapie hat sie eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester gemacht und kurz bevor wir uns kennengelernt haben, fing sie als Pflegerin in einem Kinderheim an."
"Nach allem, was sie mir erzählt haben, ist es ganz klar, daß sich einem die Frage stellt, wie Gott das zulassen konnte. Aber ich glaube nicht, daß es was bringt ihm Vorwürfe zu machen, und ihm den Schwarzen Peter unterschieben zu wollen, denn letztendlich ist der Vater verantwortlich für das, was er seiner Tochter angetan hat. Ich meine Sie haben ja auch selbst gesagt, daß es von Ihnen nicht richtig war, daß Sie vorhin die Krankenschwestern angeschrien haben. Und Sie haben für Ihr eigenes Handeln selber die Verantwortung übernommen und geben dafür ja auch nicht Gott die Schuld. Klar hat Gott es zugelassen, und er hat es auch zugelassen, daß ihre Freundin von ihrem Vater mißhandelt wurden ist, aber er ist ja nicht der einzige, der es zugelassen hat. Die Großeltern und die Tante, die Nachbarn, Kindergärtnerinnen, Lehrer und Ärtzte haben es auch alle zugelassen. Und ich glaube nicht, daß keiner bemerkt hatte, daß sie Hilfe brauchte."
"Nee! Das kann ich mir auch nicht vorstellen." bestätigte ich ihn.
"Es ist doch wohl eher so, daß viele einfach weggeschaut und die Verantwortung von sich gewiesen haben, weil sie es nicht für wahr haben wollten. Ich weiß, daß es jetzt seht hart klingt, was ich sage, doch Sie erzählten vorhin, daß Ihre Freundin sich nicht gegen ihrem Vater gewehrt hat, und somit hat sie es letztendlich selber zugelassen."
Das klang wirklich hart; doch ich mußte ihm Recht geben.
"Für mich als unbeteiligten ist es natürlich leicht so etwas zu sagen, aber das ändert ja nichts daran, daß sie niemanden um Hilfe gebeten hat, und daß sie bei ihrem Vater geblieben ist, anstatt wie im Heim wegzulaufen. Letzendlich kann man nur jemanden helfen, der auch für Hilfe offen ist und sie sucht bzw. in Anspruch nimmt."
Mir gefiehl nicht mehr, was der nette Mann mir erzählte, doch was er sagte, sagte er nicht verurteilend oder belehrend, sondern nachdenklich. Er dachte gemeinsam mit mir über meine Freundin nach. Er nahm mich mit in seine Gedanken hinein und begegnete mir und meinen Gedanken dabei offen, ehrlich und interessiert.
"Aber warum hat Gott sie nicht schon vor dem Unfall ihres Vaters aus ihren schrecklichen Verhältnissen geholt?" fragte ich ihn.
"Na ja, das Heraushloen ist ja die eine Sache, aber die Frage ist doch, wohin hätte Gott sie hinbringen sollen, wenn aus ihrem Umfeld niemand anders als ihr Vater bereit war die Veratwortung für sie zu übernehmen? Auch als er den Unfall des Vaters zuließ hat er sie ja nicht vom Vater weggenommen, sondern er hat den Vater von ihr entfernt. Gott hatte in ihm ja nicht nur das alkoholabhängige, prügelnde Arschloch gesehen, sondern das Baby, das sich, wie auch immer, zum kranken, alkoholabhängigen Arschloch machen ließ. Es gab für ihn ja irgendwelche Ursachen oder Gründe dafür, daß er das tat, was er tat. Daß seine Eltern und seine Schwester nicht bereit waren nach seinem Tod sich um seine Tochter zu kümmern läßt doch so einiges auf das Familienverhältnis schließen, in dem er aufwuchs. Und wer weiß wie seine Beziehung zu der Mutter Ihrer Freundin war. Vielleicht kannte er sie Kaum. Vielleicht hatte er ja nur einmal mit ihr geschlafen und sie hat dann 9 Monate später einfach das Neugeborene bei ihm abgeliefert. Oder vielleicht hatte er aber auch eine ganz innige Beziehung zu seiner Frau. Vielleicht war seine Frau sein einziger Halt in seinem Leben und sie ist dann bei der Geburt gestorben, woran er dann wiederum zerbrochen ist und zum Alkoholiker wurde. Vielleicht sah er ja einerseits in seiner Tochter die Mörderin seiner Frau und auf der anderen Seite sah er seine Frau in seiner Tochter weiterleben. Wir Menschen finden immer selber, daß wir selbst für die größte Scheiße, die wir machen, einen guten Grund haben. Aber egal wie nachvollziehbar unsere Gründe auch sein mögen, sie rechtfertigen in keinster Weise unser beschissenes Verhalten. Doch ich denke halt, daß auch der Vater Ihrer Freundin Hilfe benötigte und keine bekommen oder angenommen hat. Als er für Hilfe überhaupt nicht mehr offen war, und es keine Hoffnung für ihn mehr gab, hat Gott dann endlich einen Schlußstrich gezogen."
"Ja aber hätte Gott sie nicht vorher in ein Kinderheim unterbringen können?" fragte ich.
"Hätte ihr das denn irgendwie geholfen?" fragte er zurück und fing damit an mir irgendwie auf die Nerven zu gehen. Doch ob ich wollte oder nicht, ich mußte gestehen, daß die Frage ihre Berechtigung hatte, denn als sie ins Heim kam ließ sie sich nicht helfen, sondern hielt an ihr krankes und verdrehtes Welt- und Selbstbild fest.
"Ja aber warum hat Gott ihr denn ausgerechnet solche Eltern gegeben?" war meine nächste Frage.
"Ich gehe Ihnen bestimmt schon mit meinen ständigen Gegenfragen auf die Nerven, und das tut mir leid," entschuldigte er sich und lächelte dabei etwas verlegen, was es mir unmöglich machte ihm seine Frage übel zu nehmen, "aber hat Gott ihr wirklich solche Eltern gegeben?"
Ich verstand die Frage nicht und er versuchte mir zu erklären, was er meinte.
"Als ich noch ein Kind war, stellte mir mein Bruder mal die Frage, was er vor seiner Geburt gemacht hat. Er selber hatte die Vorstellung, daß er die ganze Zeit auf einer Wolke gesessen und auf seine Geburt gewartet hat. Ich kann nicht sagen, was ich früher davon hielt, doch heute kann ich mich mit dem Gedanken nicht anfreunden. Ich bin davon überzeugt, daß wir gezeugt werden und unsere Existenz, - daß unser Körper, Seele und Geist erst in dem Moment anfangen zu existieren, in dem eine bestimmte Spermie unseres Vaters auf ein bestimmtes Ei unserer Mutter trift und es befruchtet. Wenn eine andere Spermie auf das Ei und oder auf ein anderes Ei trifft, entstehen nicht wir, sondern unsere Geschwister, Halbgeschwister oder jemand ganz anderes. Ihre Freundin hat keine Eltern bekommen, sondern die Eltern Ihrer Freundin haben bei ihrer Geburt eine Tochter bekommen. Und ich bin der festen Überzeugung, daß niemand anders sie zur Welt hätte bringen können."
"OK!" erwiederte ich, "selbst wenn dem so wäre, aber es wäre doch besser für sie gewesen, wenn niemand sie zur Welt gebracht hätte."
"Tut mir leid, aber das kaufe ich Ihnen nicht ab, daß Sie das glauben", sagte er zu mir und wirkte dabei trotzdem immer noch freundlich und annehmend. "Aber wenn Sie das Leben Ihrer Freundin wirklich für nicht lebenswert halten, dann hätten Sie ihr wohl kaum heute das Leben gerettet!"
"Nun, sie ist nun mal meine Beste Freundin, und ich will sie eben nicht verlieren." erklärte ich. "Aber es gibt ja einen Unterschied zwischen nicht geboren werden und sich selber umbringen. Hätte ich ihr nicht das Leben gerettet, dann wär sie gestorben und würde in der Hölle landen." Mir schoßen bei dem Gedanken die Emotionen hoch und Tränen kullerten mir wieder über die Wangen.
Ein "Oh!" entfuhr dem Mann, der nicht mit solch einen Gedankengang gerechnet hatte. Er gab mir ein weiteres Taschentuch und dachte nach. Schließlich fragte er mich: "Sind Sie eigentlich deshalb so wütend auf Gott, weil Sie glauben, daß er Ihre Freundin, die so viel Scheiße durchgemacht hat, dafür mit der Hölle bestrafen wird, wenn sie versucht sich ein für alle mal mit einem Selbstmord aus ihrer seelischen Gefangenschaft zu befreien?"
"Ja!" sagte ich "das trifft ziemlich den Kern meines jetzigen Zustandes."
Er nickte mir betroffen zu, überlegte eine Weile und fragte dann: "Wie stellen Sie Sich eigentlich die Hölle vor?"
"Wie die Hölle halt!"
"Na ja, ich frage deshalb, weil es ja dieses Bild vom Teufel gibt, der den Menschen in der Hölle andauernd mit einem Dreizack in den Hintern sticht und sie auch anders quält. Und ich kann mit diesem Bild halt nichts anfangen."
"Nee! Das ist doch Quatsch!" gab ich zu und fragte: "Wie stellen Sie Sich denn die Hölle vor?"
"Nun, die Bibel sagt, daß der Teufel der Herr dieser Welt ist, und daß er am Ende der Zeit selber mit all seinen Dämonen und allen Menschen, die Gott nicht vertrauen, in den feurigen Pfuhl, das unauslöschliche Feuer geworfen wird. Die Hölle ist also nicht der Ort in dem Satan regiert, sondern der Ort an dem er bestraft wird. Wirklich vorstellen kann ich mir ein ewiges, unauslöschliches Feuer nicht, doch es ist anders als das Feuer, was wir kennen. Da unsere Körper ja beraben werden und verrotten, und da das Feuer nie ausgeht und unsere nicht mehr existierenden Körper nicht verzehrt, kann es sich ja nicht um das physisches Element handeln."
"Und was ist es dann?" fragte ich ihn.
"Es ist ein geistliches Feuer, was auch immer das bedeutet."
Ein etwas verwirrtes "Aha?" entfuhr meinen Lippen, während er fort fuhr.
"Ich halte die Hölle für einen Zustand des ultimativen Leidens, in dem man gefangen ist, an dem man sich auch nicht gewöhnen wird und aus dem einen nichts und niemand befreien kann. Ihre Freundin zum Beispiel, trotz aller Therapien, Hilfe und Liebe, die sie bekommen hat, wird sie von ihren alten Verletzungen, die in ihrer Vergangenheit liegen, immer noch ergriffen und eingenommen, auch wenn ihr jetzt keiner mehr Leid zufügt. Wär es ihr gelungen, ihren Körper zu töten, so hätte dies ihre Seele doch nur von ihrem Körper befreit, aber nicht von ihren seelischen Verletzungen und Ketten. Irgendwie glaub ich ist die Hölle die größte Form von Liebeskummer und Heimweh."
"Liebeskummer und Heimweh?"
"Joa! Liebeskummer und Heimweh! Einerseits sehnt man sich nichts sehnlicher als mit Gott und anderen zusammen zu sein, doch andererseits läßt man aus Angst niemanden an sich ran."
"Aha!" sagte ich und lauschte interessiert weiter seinen Ausfühtungen.
"In der Bibel steht ja, daß damals, als Adam und Eva von der Frucht der Erkenntnis gegessen hatten, ihnen die Augen aufgetan wurden und sie erkannten, daß alles an ihnen zu sehen und sie quasi schutzlos waren. Ihnen war klar, daß Gott alles mit ihnen machen konnte, was er wollte, deshalb mißtrauten sie ihm und hatten Angst vor ihm, liefen davon und versuchten sich vor ihm zu verstecken. Ich glaube, daß wir nach unserem Tod, wie Adam und Eva, nackt vor Gott stehen und auf einem Schlag alles klar ist. Alle unsere Fehler sind auf einmal als unsere Fehler für alle, uns eingeschlossen, zu erkennen. Und die Frage ist, ob wir dann Gott vertrauen oder wie Adam und Eva vor ihm aus lauter Mißtrauen und Angst wegrennen. Ich denke, daß es für uns alle notwendig ist, vor unserem Tod uns einzugestehen, daß wir ziemlich fehlerhaft sind und daß uns bewust wird, daß alle Falschheit in uns berichtigt werden muß. Wir müssen Gott vertrauen, daß er selbst als Jesus Christus unsere Schuld am Kruz beglichen hat. Wir müssen erkennen, daß Gott uns liebt, nicht weil wir irgendetwas geleistet haben, sondern weil er uns erschaffen hat, und daß wir rein sind, weil er uns geheiligt hat und nicht, weil wir irgendwelche Forderungen erfüllt haben. Wenn wir Gott wirklich vertrauen, dann nehmen wir das, was Gott gesagt hat und sagt ernst, interessieren uns für seine Sichtweise, fangen an unser Leben nach seiner Weisung und seinem Rat auszurichten und versuchen eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Dann wir Gottes Geist anfangen uns in alle Wahrheit zu führen und wir werden am Jüngsten Tag nicht vor unserem Vollstrecker, sondern vor unserem Freund stehen. Wenn wir aber nicht darauf vertrauen, daß Gott selbst als Jesus Christus unsere Schulden bezahlt hat,und wenn wir seine Vergebung nicht annehmen, weil wir meinen es nicht nötig zu haben oder es nicht wert zu sein, dann werden wir am Tag des Jüngsten Gerichtes vor einem uns fremden Schöpfer stehen, durch dessen erschaffenen Gesetze wir uns selber verurteilen. Die Erkenntnis der Wahrheit wird uns total schockieren und überfordern und wir werden vor lauter Mißtrauen und Angst uns jeglicher Gemeinschaft entziehen um mit unseren Fehlern und Schulden im eigenen Saft zu schmoren."
"Das sind ja alles andere als hoffnungsvolle Aussichten!" sagte ich.
Während er sich den Kopf schüttelte gab er zu: "Ja! Schön hört sich das nicht an, aber", fügte er hinzu, "es gibt ja auch Positives auf das man schauen kann. Zum einem scheien die Therapien Ihrer Freundin ja schon so einiges gebracht zu haben, so daß sie mit Ihnen eine sehr enge Freundschaft führen kann. Außerdem hat sie auch einen festen Job, der für sie sogar Sinn machen wird und der ihr bestimmt das Gefühl gibt Kindern davor zu bewahten, ähnliches wie sie durchzumachen. Mit ihrem Hintergrund wird sie die Probleme der Kinder wohl gut nachvollziehen können und eventuell so einen Besseren Zugang zu ihnen bekommen als andere und ihnen somit besser helfen können. Natürlich besteht auch die Gefahr, daß alte Wunden sich wieder öffnen, wie es wohl heute der Fall gewesen sein wird, was dazu führte, weshalb sie hier im Krankenhaus liegt. Doch dies sollte man als Chance sehen. Wenn ein gebrochenes Knie, zum Beispiel, falsch zusammen gewachsen ist, muß es wieder gebrochen und anschließend vrnünftig geschient werden um richtig heilen zu können. Ihre Freundin hat jetzt die neue Chance ihr Leben neu zu sortieren und zu ordnen, damit ihre Verletzungen vernünftig heilen können. Und das Sie erzählt haben, wie Sie heute auf merkwürdige Weise zu Ihrer Freundin geführt wurden, wie Sie sie in der Badewanne mit offenen Pulsadern gefunden und ihr das Leben gerettet haben, sagt mir, daß Gott nicht möchte, daß Ihre Freundin in der Hölle landet, sondern daß er sie davor bewahren will und ihre seelischen Verletzungen heilen möchte. Auch wenn ihre Freundin sich selber aufgegeben hat, so sagt Gott doch zu ihr: ‘Es ist noch nicht Deine Zeit zum Sterben, ich habe noch Hoffnung für Dich!’"
Die Schwester von vorher kam nochmals zu uns. Sie hatte Feierabend, wollte aber noch mal nach mir sehen. Sie versicherte mir, daß meine Freundin bestens versorgt ist, und daß es doch am besten wäre, wenn ich mich zu Hause ausruhen würde, da ich im Krankenhaus sowieso nichts für meine Freundin tun und sie auch erst am nächsten Tag sehen könnte. Ich hatte nicht mehr das Gefühl alleine für meine Freundin gegen die ganze Welt kämpfen zu müssen und sah, daß die Schwester Recht hatte. Ich entschuldigte mich bei ihr dafür, wie ich sie vorher behandelt hatte. Doch sie schüttelte den Kopf und winkte ab, als gäbe es gar nichts für das ich mich entschuldigen bräuchte. Meine Einladung zusammen etwas in dem Bistro gegenüber des Krankenhauses zu trinken, nahm sie aber gerne an. Der Mann mit den Taschentüchern wollte nicht mitkommen, und so verabschiedete ich mich von ihm.
Als ich abends endlich zu Hause in meinem Bett lag machte ich mir zwar noch Sorgen um das Befinden meiner Freundin und ich hatte auch noch immer Angst davor, daß sie irgendwann einmal in der Hölle landen könnte. Aber auf Grund des Gespräches mit dem Mann, dessen Taschentücher ich alle vollgeschneutzt hatte, habe ich einen neuen Gedanken tief in mir drinne. Dieser Gedanke sagt mir, daß Gott nicht gegen mich und meine Freundin arbeitet, sondern mit mir für meine Freundin kämpft. Und ich habe jetzt die neue Hoffnung, daß sich meine Freundin von Gott helfen und heilen läst.
© Copyright Marc Ziesmer. Alle Rechte vorbehalten.
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