75dm.com / Creative Writing / Kurzgeschichten / Taschentuch (2/9)

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Ich blickte meinen Zuhörer an und der nickte mir verständnissvoll zu.
"Als die Bahn dann an der Haltestelle bei meiner Freundin hielt" erzählte ich weiter."spielte sich in meinem Inneren ein Kampf ab. Ich wollte nicht zu ihr gehen und sah auch keinen Grund warum ich das sollte. Und dennoch war da das Bedürfnis es zu tun. Es waren schon alle, die aussteigen wollten ausgestiegen und die ersten stiegen ein, als ich aufstand. Einige fingen an zu motzen, weil ich sie mit meinem Aussteigen beim Einsteigen störte. Anstatt nach Hause zu fahren, als sich auf meinem Klingeln im Haus nichts tat, benutzte ich den Ersatzschlüssel, den mir meine Freundin anvertraut hatte und ließ mich selber rein. Alle Zimmertüren standen offen, und da niemand auf mein Rufen reagierte, war mir klar, daß sie nicht zu Hause war. Gerade als ich gehen wollte merkte ich, daß in mir die Entscheidung gefallen war, vorher noch auf die Toilette zu gehen. Das war wirklich völlig absurd, denn ich mußte gar nicht aufs Klo. Dennoch ging ich ins Badezimmer und da.."
Ich stockte, Tränen schossen mir in die Augen und ich fuhr mit zittender Stimme fort,"sah ich sie in der Wanne liegen; mit aufgeschnittener Pulsader." Ich rang nach meiner Fassung, und als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, nahm ich mir ein weiteres Taschentuch, daß mir von meinem Zuhörer angeboten wurde, schneutzte meine Nase und fing an meine Geschichte weiter zu erzählen."Ich versuchte sofort die Blutung zu stoppen, band die Wunde ab und rief sofort einen Notarzt. Bis der eintraf rannte ich ständig zwischen dem Badezimmer und der Haustür hin und her, was einige Nachbarn zu Meckern veranlaste."Unter Tränen stieß ich verständnislos hervor: "Meine beste Freundin war gerade dabei in ihrem Badezimmer zu verbluten und ihre Nachbarn hatten nichts besseres zu tun als sich darüber aufzuregen, wie geräuschvoll man sich auf dem Flur bewegt." Ich schnaupte noch mal meine Nase und wischte mir die Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht. "Irgendwann trat endlich der Notarzt ein. Ich fühlte mich so hilflos, und der Rettungsdienst gab mir das Gefühl nur im Weg zu sein und zu stören. Ich durfte nicht mit im Krankenwagen fahren und hätte ich nicht noch extra nachgefragt, hätte mir niemand erzählt, daß sie sie in dieses Krankenhaus bringen. Und auch hier geben mir die Schwestern die ganze Zeit das Gefühl zu stören. Über die Verfassung meiner besten Freundin geben sie mir keine Auskunft, drängen mich stattdessen irgendwelche Formulare auszufüllen und sagen mir ständig, daß ich mich beruhigen muß. Und das kann ich nicht."
"Wer könnte das in so einer Situation?"
"Ja schon. aber trotzdem darf ich meine Wut doch nicht an den Krankenschwestern auslassen. Auch wenn es verständlich ist, so ist es dennoch falsch!"
"Sind Sie eigentlich wütend auf ihre Freundin, weil sie für sie ihren Fehler ausbügeln müssen?" fragte mich der sympatische Mann.
"Ja, irgendwie schon. Aber gerade das macht mich dann wütend auf mich selber, weil ich mir dann so egoistisch vorkomme. Gut, wegen ihr habe ich einen tollen Mann sitzen gelassen, von dem ich denke, daß er der richtige sein könnte. Ich hatte keine Möglichkeit ihm abzusagen, und weiß jetzt nicht, ob er mir noch 'ne 2te Chance gibt. Doch, wenn er nicht verstehen kann, daß ich mich lieber um meine beste Freundin kümmere, die gerade versucht hat sich umzubringen, dann ist er sowieso nicht der Richtige. Aber vielleicht bekomme ich ja auch gar nicht die Gelegenheit ihm zu erklären, was vorgefallen ist, und warum ich nicht zur Verabredung erschienen bin. Und, na klar, das stört mich. Aber wütend macht mich vor allem, daß meine Freundin sich das antun mußte; daß die versucht hat sich umzubringen. Und irgendwie kann ich das ganze auch etwas nachvollziehen, denn ihr Leben ist bisher einfach beschissen gelaufen und es war teilweise einfach eine Qual für sie."

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